Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Ablage


Ein halber Meter Gerichtsbücher

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Über eine wertvolle Ergänzung seines Bestandes freuen sich Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel und seine Mitstreiter. Sie erhielten jetzt sechs Protokollbücher des Frankfurter Stadtgerichts aus dem Zeitraum 1587 bis 1688 zurück. Die Bände aus dem Bestand des Stadtarchivs waren wie viele andere 1944 ausgelagert worden. Ein Student aus Poznan, dessen Großvater sie einst im Wald fand, hat sie nach Frankfurt zurückgebracht. Nun sollen sie dort wieder eingeordnet werden, wo sie schon früher ihren Platz im Stadtarchiv hatten und damit auch für Benutzer zur Verfügung stehen.
"Da sind noch ein paar Schuldscheine", zeigt Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel einzelne Papiere beim Blättern durch die sechs dicken Bände mit den braunen Einbänden. Ihm ist die Begeisterung anzumerken. Schließlich hat man so ein Glück nicht alle Tage. Und zudem verbindet der Archivar mit den jetzt zurückgekehrten Bänden die Hoffnung, weitere verloren geglaubte Stücke aus dem Archiv zurückzubekommen. Irgendwo, so hofft Targiel, müssen schließlich auch die anderen Bände abgeblieben sein.
1944 sind zahlreiche Archivalien des Stadtarchivs ausgelagert worden. Mehrere Lastkraftwagen brachten die Dokumente aus Frankfurt in einen oder mehrere Evakuierungsorte östlich der Oder. Auf die Reise gingen kostbare Reihen der Ratsprotokollbücher, Kämmereibücher und die komplette Bestandsabteilung Gericht mit 128 Bänden Gerichtsbüchern. Amtsbücher, so erklärt der Oberarchivar, "sind für die Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte einer Kommune von besonderer Bedeutung".
Die jetzt wieder zurückgekehrten Bücher enthalten alles über Gerichtsstreitigkeiten der Bürger von damals. Allerdings nicht die Unigeschichte, "denn die Universität hatte eine eigene Gerichtsbarkeit", ergänzt Targiel. Sie belegen die Verhandlungen des Stadtgerichts zu Streitigkeiten, Schuld- und Pfändungssachen der Bewohner und Bürger der Stadt - deshalb die Schuldscheine als Beilagen. Sie sind also Dokumente des Miteinanders in der bedeutenden Handels- und Universitätsstadt Frankfurt (Oder).
Da der Stadtarchivar Dr. Binder noch in den letzten Kriegstagen eingezogen wurde und fiel, wusste man nach der Befreiung 1945 in Frankfurt nicht, wohin die Stücke seinerzeit ausgelagert wurden. Der Bestand der Stadtarchivs, so erklärt Targiel weiter, sei damals neu formiert worden. Im Rathaus (Panzerraum der Sparkasse) und an anderen Orten in der Stadt hätten sich viele Materialien des Stadtarchivs gefunden. Nur die Protokollbücher blieben verschollen.
Man nahm an, dass sie in den letzten Tagen des Krieges oder am Beginn der Nachkriegszeit vernichtet wurden. 1962 war deshalb ein besonderes Jahr für das Stadtarchiv. Über die polnische Archivverwaltung und die damalige Staatliche Archivverwaltung der DDR erhielt die Frankfurter Einrichtung etwa 65 laufende Meter des ausgelagerten Archivgutes in 355 Paketen aus Polen zurück. Mit ihnen konnte die Amtsbuchüberlieferung neu verzeichnet werden.
Trotzdem blieben zahlreiche Lücken. Sechs Ratsprotokolle, 41 Kämmereibücher und 78 Gerichtsprotokolle galten weiterhin als verschollen. Dennoch hegten die Frankfurter Archivare die Hoffnung, dass vielleicht noch das ein oder andere Amtsbuch eines Tages wieder auftauchen würde. Und genau das ist Ende November geschehen. Jacek Fligiel, ein an der Geschichte sehr interessierter Student aus Poznan, kam nach Frankfurt und übergab die sechs Gerichtsbücher, die vom Umfang zusammen einen halben Meter ausmachen. Die Bände wurden 1945 von seinem Großvater im Wald entdeckt. Dieser muss sie sofort vor der Vernichtung durch die Unbilden des Wetters geschützt haben. Denn ihr Zustand, so Targiel, sei sehr gut. Der Stadtarchivar zeigt die mit schönen Prägungen verzierten dunklen Ledereinbände, aber vor allem die wichtigen Register. Anhand dieser können Benutzer, sobald die Bände ihren Platz im Archiv gefunden haben, nach bestimmten Fällen oder Personen forschen.

(Märkische Oderzeitung, Mittwoch, 30. November 2005. Beitrag von Karin Sandow)