Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Ablage


Familie überlässt Stadt das Jungclaussen-Archiv

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Über einen ganz besonderen Schatz durfte sich gestern Frankfurts Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel freuen. Edelgard Sachsenheimer, die Enkelin von Heinrich Jungclaussen, übergab ihm das Betriebsarchiv der einstigen Gärtnerei und Baumschule.
Schon oft hat Frankfurts Stadtarchiv Spenden aus Privatbesitz erhalten. Ein so komplettes Betriebsarchiv war allerdings noch nicht darunter. "Meist werden solche Dokumente nicht so lange aufbewahrt", erklärt Oberarchivar Targiel. Um so größer seine Freude über die Bücher und Dokumente, die ihm gestern in zwei unscheinbaren Pappkartons von Edelgard Sachsenheimer überreicht wurden.
"Die sind in der Familie von Bruder zu Bruder weitergereicht worden", erzählt die in Berlin lebende Jungclaussen-Enkelin. Sie hatte sie von ihrem jüngst verstorbenen Bruder Erhard erhalten. Ihr ältester Bruder hatte die Papiere nach 1945 aus dem Schutt des einstigen Betriebsgeländes in Frankfurt gerettet. So blieben sie erhalten, wenn auch nur in Privatbesitz und auf einem Dachboden gelagert.
Das soll sich nun ändern. Edelgard Sachsenheimer lässt sich in vielem, was sie tut, von einem Gedicht leiten. "Ich liebe dich, du Stadt am Oderstrom", heißt es darin. Ganz in diesem Sinne sind sie und weitere Familienmitglieder immer wieder in Frankfurt, haben im Arboretum einen Gedenkstein wieder hergerichtet und wie erst gestern wieder Bäume gepflanzt. Auch mehrere der Pflastersteine an der Marienkirche tragen Namen von Familienangehörigen. Und nun soll auch das Archiv der Firma wieder dort lagern, wo die Jungclaussen-Geschichte ihren Ursprung hat.
"Die Firma Jungclaussen ist durchaus mehr als eine regionale Firma. Sie hat den Ruf Frankfurts als Gartenstadt geprägt", weiß Ralf-Rüdiger Targiel. Heinrich Jungclaussen hatte als 27-Jähriger 1884 die Gärtnerei des Bahnhofswirtes Theodor Holtz erworben und daraus in den folgenden Jahren einen Betrieb aufgebaut, in dem 300 bis 400 Frankfurter beschäftigt wurden. Bei einer ersten Sichtung der in den Kisten enthaltenen Dokumente fand der Stadtarchivar vieles von dem bestätigt, was er bereits über die Firma wusste, aber nun auch dokumentarisch belegen kann. Denn da gibt es zum Beispiel das erste Hauptbuch, das etwa von 1884 bis 1910 verschiedene Zahlungen belegt, Gewinne verzeichnet und Bezugsquellen auflistet. Auch ein Kassenbuch ist dabei, aus dem zum Beispiel erkennbar ist, wohin Sämereien geliefert wurden. "Aus ganz Deutschland finden sich da Abnehmer", so Targiel, der aber vermutet, dass es zumindest vor der Herrschaft der Nationalsozialisten auch Lieferungen ins Ausland gegeben habe.
Ganz genau werden alle Dokumente jetzt im Stadtarchiv gesichtet und aufbereitet, so dass sie auch für die Forschungsarbeit anderer nutzbar sind, erklärt der Stadtarchivar, der schon ganz gespannt auf weitere Entdeckungen ist.

(Märkische Oderzeitung, Freitag, 07. Oktober 2005, Artikel von Karin Sandow)