Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

FAQ


  Was bedeutet und woher kommt „Viadrina“ als Name der Frankfurter Universität (1805-1811) -
Vom Flussnamen zum Schmucknamen für die Universität?

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1543 erschien in Frankfurt das Buch „Problemata de Ebriorvm Affectionibus & moribus“, auf dessen Titelblatt statt der bis dahin üblichen Form des Druckortes Frankfurt „an der Oder“ die Form „cis Viadrum“ stand. Woher stammte diese Bezeichnung des Flusses und wer veranlasste, sie in dieser Form abzudrucken? Hier an den Drucker des Buches – es war Johann Hanau – selbst zu denken, ist sicher abwegig, war doch der Autor des Buches der bedeutende Renaissancegelehrte der Frankfurter Universität Professor Jodocus Willich (1501-1552). Willich, der im Jahre 1516 aus Rössel im Ermland nach Frankfurt gekommen war, um hier zu studieren, übernahm schon mit 1524 seine erste Professur, er lehrte in der Nachfolge von Professor Faber die griechische Sprache. Wie kein anderer Lehrer der Frankfurter Universität vermittelte er das neue, dem Mittelalter entwachsene neue Lebensgefühl unter Rückbesinnung auf antike Quellen. Seinen Schülern gab er die Werke von Aristoteles und der anderen griechischen Klassikern in gereinigter Form zur Kenntnis, er verfasste Bücher über die Vortragskunst, die Orthographie und Prosodie. Er sprach über die Reden von Cicero und gab vor allen einen der ersten Kommentare zur „Germania“ des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus heraus. Im Streben nach objektiver Naturerkenntnis wandte sich Willich frühzeitig auch anderen Disziplinen zu. Dabei galt sein vordringliches Interesse der Medizin. 1527 galt er schon als geschickter Arzt, später sollte er in der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit „einen fast europäischen Ruf“ erlangen. Er brachte Frankfurt den Ruhm, zu den ersten deutschen Universitäten zu gehören, an welcher die Schriften des „Vaters der Heilkunde“, des griechischen Arztes Hippokrates gelesen wurden.
Bei seiner Beschäftigung mit den antiken Überlieferungen ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Willich auch mit der „geographischen Lieblingsquelle“ der Humanisten und Renaissancegelehrten, der um 160 u.Z. entstandenen „Geographie“ des alexandrinischen Astronomen, Mathematikers und Geographen Klaudius Ptolemaios (nach 83-nach 161 u.Z.) vertraut war. Zudem stand Jodocus Willich mit dem Kosmographen Sebastian Münster (1488–1552) in Verbindung, der erfolgreich die Ausgaben von Ptolemaios und der anderen antiken Geographen produzierte. Münster hatte für seine eigene in mehreren Auflagen erschienene „Cosmographey: das ist Beschreibung aller Länder, Herrschaften und ... Stetten, des ganzen Erdbodens“ Verbindung zur Stadt und Universität aufgenommen und eine Skizze von der Stadt erbeten, wonach der von Münster beauftragte Künstler Rudolf Manuel, gen. Deutsch 1548 die im Werk abgedruckte Ansicht der Stadt Frankfurt an der Oder schuf. Dabei muss die Verbindung besonders fruchtbar gewesen sein, denn Münster vermerkte in seinem Buch das Lob: „Ich hab der Stett in Teutschlandt nicht viel gefunden die auff mein einfeltiges Schreiben mir in meinem Fürnemmen so gutwillig gewesen“.
Nach der „Geographie“ von Ptolemaios mündeten vier Flüsse in die Ostsee. Es waren dies – in unterschiedlicher Schreibweise der Überlieferungen – die Flüsse Chalusos, Suebos, Viados und Vistula. Willich wird den Namen Viados als ursprüngliche Bezeichnung der Oder angesehen haben und übernahm ihn. So findet sich dann auch in der schon oben erwähnten und mit Willichs Förderung entstandenen ältesten gedruckten Ansicht der Stadt Frankfurt, welche fünf Jahre nach der erstmaligen Verwendung der anderen Flussbezeichnung durch Willich bei Sebastian Münster gefertigt wurde, neben der Bezeichnung Oder auch Viadrus als Namen des Flusses.
Ob nun Viadrus tatsächlich den Oderfluss bezeichnete ist bis heute unklar. Während die späteren Kartographen Chalusos mit der Warnow und Vistula mit der Weichsel gleichsetzten, bleibt die Zuordnung von Suebos und Viados strittig. Die alten Gelehrten identifizierten Suebos mit der Oder und Viados mit der Wipper (heute Wieprza bei Darłowo). Heute erscheint es infolge des Nachweises des Hauptstammes der Sweben (Suebi), der Semnonen im Havelland wahrscheinlich, dass mit dem Suebos die Spree/ Havel gemeint (R. Schulz) und damit – wie von Willich angenommen - der nachfolgende Fluss tatsächlich die Oder war. Nach dem Wegzug der im 2. Jahrhundert hier siedelnden Burgunden wurde das hiesige Gebiet im 6. Jahrhundert durch slawische Völker besiedelt. Ging dabei die alte Flussbezeichnung verloren und wurde durch den wahrscheinlich slawischen Namen Oder/ Odra ersetzt? In den mittelalterlichen Quellen wurde nur noch der Flussname Oder verwandt. Auf die Namensdeutung von Viados sowie Oder, welche den Sprachwissenschaftlern vorbehalten ist, soll hier nicht eingegangen werden.
Als dann im Jahre 1549 der von Professor Willich geförderte Johann Eichorn das Amt des Universitätsdruckers übernahm, war sein erster Auftrag die auf Drängen von Willich in Druck gegebene erste Studentenkomödie vom Willich-Schüler Magister Christoph Stummel (1525-1588). Nach diesem Büchlein verließen immer mehr Werke mit dem Vermerk „Francoforti ad Viadrum“ als Druckort die Eichorn`schen Druckpressen. Bald sollte der Name auch Eingang in den Namen der Universität finden. Wenn auch der offizielle Name der Universität, wie er auf den Siegeln der Universität zu lesen ist, auch weiterhin in lateinischer oder deutscher Form nur „Universität Frankfurt an der Oder“ lautete, wurde der Name „Viadrina“ seit dem 17. Jahrhundert immer mehr zum lateinischen Schmucknamen für die Universität.