Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Archivgeschichte


Aus der Geschichte des Frankfurter Stadtarchivs

Die Anfänge des Stadtarchivs reichen bis in das Jahr 1253 zurück, als Markgraf Johann I. den hier bestehenden Marktflecken zur Stadt erhob. Die beiden dazu ausgefertigten Urkunden vom 12. und 14. Juli 1253, leider sind sie nicht im Original überliefert, waren die ersten städtischen Archivalien. Diese, wegen der darin verbrieften Vorrechte über Jahrhunderte sorgsam bewahrten Dokumente, ergänzten bald weitere Urkunden. Wenn erst im 16.Jahrhundert von einem "Raths Archiven" zu lesen ist, kann dennoch angenommen werden, dass eine archivische Einrichtung (Kanzleiarchiv des Stadtschreibers) schon zu einem früheren Zeitpunkt bestand. Das älteste heute vorhandene Archivalienverzeichnis stammt aus dem Jahr 1546.

Dennoch scheint der Zustand des Archivs zu dieser Zeit nicht der beste gewesen zu sein, denn 1653 befahl der Kurfürst "alle Registraturen, Bücher und Documenta...mit Fleiß...verzeichnen zu lassen." Wenige Jahre später ist von einem eisernen Privilegienkasten, mit eisernen Griffen, zwei Überwürfen und einem starken Schloß im Rathaus zu lesen, worin sich die Urkunden befanden. 

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Ältestes Urkundenverzeichnis aus dem Jahr 1546.
Repro M. Fricke

Neben der Ratsstube befanden sich "elf verschließbare Spinde, `darin nach dem ABC die Akten verwahret`" waren. Während zu dieser Zeit das Archiv noch ausschließlich internen Zwecken des Rates diente, konnte Johann Christoph Beckmann (1641-1717), Inhaber des Lehrstuhles für Geschichte an der Frankfurter Universität, als erster Benutzer, die städtischen Quellen für seine Forschungen nutzen. Nicht nur die Frankfurter Archivare würdigen ihn, der für eine erste Öffnung der Archive für die Geschichtsschreibung sorgte und als "Vater der märkischen und anhaltinischen Regionalgeschichtsschreibung" zu den Quellen zurückging.

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Rathaus im Jahr 1691,
nach einer Zeichnung von Johann Stridbeck

Porträtplastik von Johann Christoph Beckmann,
geschaffen 1976 von Walter Kreisel, im Stadtarchiv

Mit der Einführung des "Rathäuslichen Reglements" im Jahre 1719, das für fast ein Jahrhundert die Selbstverwaltung der Stadt beseitigte, wurde die gesamte Verwaltung neu organisiert. Alles war genauestens geregelt, selbst an einen Registrator war gedacht. War bislang die "Registratur bey dem Rathause" Sache des Secretarius, wurde nun zusätzlich ein Registrator bestallt, der nach der ersten Archivordnung (Abschnitt IX des Reglements) dafür zu sorgen hatte, dass die "Alten als Neuen Sachen" nicht wieder in "Confusion und Unordnung" gerieten.

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Obwohl genauestens vorgeschrieben, wie die Akten zu registrieren, zu foliieren und nur gegen Zettel den Ratsmitgliedern nach Hause auszuleihen waren, wurde das Archiv zunehmend vernachlässigt. Daran änderte sich auch nichts, als die Stadt im Jahre 1808 das Recht der Selbstverwaltung in zeitbedingter Form zurückerhielt.

Als 1822 der Justizkommissarius Heinrich Bardeleben (1775-1852)das Archiv neu ordnete, fand er es "als einen Haufen mit Schmutz vermischter Bücher, Papiere, Blätter" vor.
Bald sollte das Archiv seine Pforten für historisch Interessierte öffnen. Zunehmend problematisch erwies sich die Unterbringung der Archivs im Rathaus. Nach einer auf Veranlassung der Regierung erfolgten Überprüfung der städtischen Archivverhältnisse wurde die Stadt aufgefordert, das Archiv feuersicher unterzubringen, einen sachkundigen Archivverwalter anzustellen und einen beheizbaren Arbeits- und Benutzerraum einzurichten.
Bei der Reorganisation und beim Umzug stand das Geheime Staatsarchiv Dahlem zur Seite.

Heinrich Carl Ludwig Bardeleben

 

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Am 28. Juli 1890 war es dann soweit. Das Stadtarchiv - nun eine selbstständige Einrichtung der Stadt - wurde in der Sakristei der Franziskanerklosterkirche (heute Konzerthalle) eröffnet. Eine Archivordnung wurde erlassen  und Dr. Adolf Gurnik, Gymnasialprofessor der Alten Städtischen Oberschule, als erster Stadtarchivar angestellt.
Bis 1898 erschien seine erste Bestandsübersicht. Unter seinen Nachfolgern Gymnasialprofessor Dr. Reinhold Kubo (Stadtarchivar 1903-1925) und Dr. Bruno Binder (Stadtarchivar 1925-1945) zog das Stadtarchiv in das Rektoratsgebäude der einstigen Frankfurter Universität und schließlich in den ausgebauten Turmstumpf der Marienkirche.

1944 wurden große Teile des Gesamtbestandes verlagert. Weitgehend unbekannt ist, wohin was verlagert wurde. Dr. Binder, der kaum Aufzeichnungen darüber hinterließ, starb im Mai 1945. Ein Teil wurde in den Panzerraum im Rathaus untergebracht, ein Teil nach Osten verlagert. 

Erste Archivordnung
nach dem Auszug aus dem Rathaus, 1890

 

Adolf Gurnik,
erster Stadtarchivar von 1891 bis 1903
[ Biografie ]

Ende April / Mai 1945, als das Zentrum der alten Stadt Frankfurt brannte, wurden auch zahlreiche Schätze des Stadtarchiv vernichtet. Das sich noch im Turmstumpf befindliche Archivgut (besonders aus der Zeit des 19. Jahrhunderts) verbrannte. Der Panzerraum des fast einer Ruine gleichenden Rathauses war erbrochen, manch wertvolle Urkunde oder Amtsbuch gelangte in Privathand. Archivgut lagerte fast ein Jahr unter freien Himmel.
Dass die Verluste nicht noch größer wurden, ist Elfriede Schirrmacher (1894-1978) zu danken, die seit Frühjahr 1946 die Bergungsarbeiten geleitet hatte. Nach ihrer Anstellung als Stadtarchivarin im Mai 1948 begann die Bibliothekarin und spätere Facharchivarin in einem Schulhaus in der Halben Stadt mit dem Wiederaufbau des Stadtarchivs.

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Zerstörtes Rathaus 1946. Foto Liess

1952 erfolgte der Umzug in das Haus der Stadtbücherei, wo die Kleistgedenkstätte begründet wurde, aus der sich das heute international bekannte Kleist-Museum entwickelte.

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Bibliotheksgebäude ohne Dachgeschoss.
In der obersten Etage das Stadtarchiv von 1952 bis 1976.
Foto Fricke
Kleistgedenkstätte - 1952 in den Räumen des Archivs aufgebaut
Foto Fricke

Die vollständig neu geordneten und verzeichneten Bestände erfuhren 1962 durch die Rückkehr von 62 Regalmeter Archivalien aus Polen eine erhebliche Ergänzung. Bilanz der Arbeit zog Elfriede Schirrmacher mit der 1972 erschienenen Schrift "Das Stadtarchiv Frankfurt (Oder) und seine Bestände". Auch nach der Verabschiedung von Stadtarchivdirektorin Schirrmacher 1976 in den Ruhestand, stand sie ihrem Nachfolger Dipl.-Archivar Ralf-Rüdiger Targiel mit Rat und Tat zur Seite. Sie erlebte noch die langfristig vorbereitete Übersiedlung in das eigens für das Stadtarchiv restaurierte Collegienhaus.

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20. Okt. 1976, Dank an Elfriede Schirrmacher, Archivdirektorin von 1948 bis 1976, für ihre Verdienste um das Stadtarchiv seit 1946, während der Wiedereröffnung des Stadtarchivs im Collegienhaus.
Foto B. Keding

Damit standen erstmals in der Geschichte des Stadtarchivs neben einem großen Lesesaal auch Räume für Ausstellungen, Vorträge und andere Formen der historischen Bildungsarbeit zur Verfügung. Nun war die sachgerechte Lagerung der Archivalien möglich. Während der Wendemonate 1989 / 1990 wurde mit Hilfe vieler Frankfurter versucht, sämtliche Informationszettel, Demonstrationsaufrufe der Parteien und Bürgerbewegungen, die mitunter nur kurz publizierten neuen Zeitungen u.v.a.m. für die spätere Forschung zu sichern. Während und nach der Wende übernahm das Stadtarchiv das Schriftgut zahlreicher aufgelöster Betriebe und Einrichtungen. Außerdem wurde der nur zum Teil bearbeitete Bestand des einstigen Verwaltungsarchivs des Rates der Stadt integriert. Diese Übernahmen führten zu mehr als der Verdoppelung der Beständeabteilung II. Zahlreiche Anfragen in Rentenangelegenheiten, Nachfragen nach Facharbeiterbriefen u.ä. sowie erste Forschungen zur Geschichte der DDR machten die vordringliche Verzeichnung dieser neu übernommenen Archivalien notwendig.