Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Archivgeschichte


Adolf Gurnik - erster Stadtarchivar von Frankfurt an der Oder


Nicht zuletzt auf Drängen der Frankfurter Bürgerschaft und des Geheimen Staatsarchivs in Berlin beschloss der Magistrat 1887 die ungenügende Archivsituation zu verbessern und das städtische Archiv mit den bis in das 13. Jahrhundert zurück reichenden Quellen feuersicher unterzubringen. Nach dem Gutachten des Geheimen Staatsarchivs sollte im Archiv auch ein beheizbarer Raum vorhanden sein, wo zu wöchentlich festgesetzten Stunden Benutzer arbeiten konnten. Da im Rathaus in der Oberstadt diese Bedingungen nicht erfüllbar waren, entschloss sich der Magistrat das Archiv in die Sakristei der Nikolaikirche am Untermarkt (heute Konzerthalle Carl Philipp Emanuel Bach) zu verlagern und einen Archivverwalter anzustellen. Für die Vorbereitung des Umzuges ordnete das Geheime Staatsarchiv zeitweise den Archivar Dr. Arnold nach Frankfurt ab. In mehrwöchentlicher Arbeit ordnete er die Akten und Manuskripte entsprechend den alten, von ihm ergänzten Repertorien und paketierte sie. Auch ordnete er die Urkunden, die er dann in Pappschachteln verwahrte und anschließend in die Nikolaikirche überführte. Mitte des Jahres 1890 waren diese Arbeiten beendet.

Am 28. Juli 1890 konnte er das neu eingerichtete Stadtarchiv an die Stadt übergeben. Nach der Archiv-Übernahme sollte dem Magistrat-Obersekretär Paul Pfeiffer, Vorsteher der Büros II, zuständig für die Kirchen-, Schul-, Etats- und Kassensachen, die Funktion des ständigen Archivbeamten zusätzlich übertragen werden. Dafür beantragte der Magistrat bei der Stadtverordnetenversammlung für ihn eine Zusatzbesoldung. Oberbürgermeister von Kemnitz argumentierte in seinem Antrag am 23. September 1890, dass die Verwaltung des Archivs eine Mehrleistung sei, die besonders honoriert werden müsse, es „handele ... sich nicht darum, ein paar Nachmittage im Archiv zu weilen und Akten herauszugeben, sondern das Vorhandene dem Inhalte nach im allgemeinen kennen zu lernen, um den das Archiv benutzen Wollenden an die Hand gehen zu können“. Die Stadtverordnetenversammlung verwies jedoch den Antrag in die Kommission für Regulierung des Normalbesoldungsetats. Deren Protokollunterlagen sind nicht überliefert, es scheint aber, dass die Kommission der Zusatzbesoldung in der beantragten Höhe nicht entsprach. So wurde Paul Pfeiffer nicht Frankfurts erster Archivleiter sondern übernahm nach einer Umstrukturierung die Leitung des Büros I (Generalien, Kirchen- und Schulsachen). Zum Vorsteher des städtischen Archivs wurde Dr. Adolf Gurnik, Oberlehrer an der Städtischen Oberschule, ernannt. Das Archiv ist seitdem öffentlich benutzbar. Dr. Gurnik konnte nun jeden Mittwochnachmittag von 3 bis 6 Uhr (im Winter von 3 bis 5 Uhr) auch Privaten - oder wie es in der ersten „Archiv-Ordnung für das Stadtarchivs zu Frankfurt a. O.“ heißt , „allen ihm als vertrauenswürdig bekannten oder als solche sich ausweisenden Personen“ - die Archivalien, „welche dieselben einzusehen wünschen, sowie auch die Repertorien im Arbeitszimmer des Archivs“ in der Sakristei der Nikolaikirche vorlegen. Die Namen der Benutzer hatte er in ein „Journal über die persönlichen Benutzer“ einzutragen. Wenn auch heute das Journal nicht überliefert ist, so waren unter den häufigsten Benutzern sicher die Mitglieder des Historischen Vereins für Heimatkunde der Stadt, welche dann in den Vereinsmitteilungen über ihre Forschungsergebnisse berichteten.
Wer war Dr. Adolf Gurnik, der 1891 die Archivverwaltung übernahm und damit Frankfurts erster Stadtarchivar wurde? Obwohl nur wenig Quellen über ihn überliefert sind - weder eine Personalakte, kaum Schulakten, keine Akten zum Archiv während seiner Amtszeit noch sein Nachlass sind überliefert – soll hier versucht werden, seine Lebensstationen zu skizzieren.
Eduard Friedrich Adolph (später Adolf) Gurnik, wie sein vollständigen Namen lautete, wurde am 29. August 1844 als Sohn des Kgl. Försters Johann Gurnik in Guschau im Kreis Sorau (heute poln. Guzów) geboren. Nach dem Besuch verschiedener Elementarschulen wurde er im Oktober 1856 in das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Cottbus aufgenommen. Dort legte er mit sieben weiteren Abiturienten am 11. März 1863, unter dem Vorsitz von Superintendent Ebeling, seine Reifeprüfung ab. Am Ende seiner Schulzeit hatte Gurnik noch keine genaue Studienvorstellung, denn anders als bei seinen Mitschülern, die fast alle in Berlin studieren wollten, fehlt bei ihm im Schulprogramm des Gymnasiums die Angabe einer künftigen Ausbildungsstätte. Als Studienwunsch gab er das Forstfach an.
Davon ist jedoch schon ein Monat später keine Rede mehr. Vielleicht im Gefolge seiner Mitschüler wandte sich Gurnik nach Berlin und ließ sich am 11.April 1863 an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin einschreiben. Er begann ein Studium der Philosophie und Geschichte. Während seines Studiums wohnte er zur Miete im Haus Neuenburger Straße 9. Zu seinen Lehrern an der Berliner Universität gehörten neben Prof. Friedrich Adolf Trendelenburg (Logik), Prof. Adolf Kirchhoff (über Homer), vor allem der Altphilologe Prof. Moritz Haupt (Werke von Horaz, Tibull, Properz) und die Historiker Theodor Mommsen und Johann Gustav Droysen. Besonders Droysen, bei dem Gurnik in sechs von seinen sieben Semestern hörte – darunter auch seine nachhaltig wirksamen Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte – , wie auch Professor Mommsen bescheinigten Gurnik, „sehr fleißig“ gewesen zu sein. Professor Maßmann, der seine Studenten in die Handschriftenkunde und gotische Schrift unterrichtete, bescheinigte ihm sogar, „mit größtem Eifer und erfreulichen Erfolge“ seinem Unterricht gefolgt zu sein. Es scheint, dass Gurnik schon als Student gerade für diese Fächer, die für seine spätere Tätigkeit im Stadtarchiv von besonderer Bedeutung sein sollten, eine Vorliebe hatte. Über sein Studium bis zu Ende des Sommersemesters 1866 stellten ihm der Rektor und der Dekan der philosophischen Fakultät am 18. Januar 1867 das Zeugnis aus. Adolf Gurnik, der künftig als Lehrer arbeiten wollte, legte dann am 25. /26. November 1867 sein Examen für das Lehramt an höheren Schulen ab. Bald danach begab er sich nach Hirschberg in Schlesien. Dort, wo er einst die Elementarschule besuchte, absolvierte er am Königlichen Gymnasium ab Anfang Januar 1868 sein Probejahr.
Zu Michaelis 1868 kam der junge Lehrer nach Frankfurt an der Oder. Am Frankfurter Friedrichs-Gymnasium war eine unbesetzte Lehrerstelle, die ihm ab 1. Oktober jenes Jahres übertragen wurde. Seine Zeit als Hilfslehrer an dieser Schule war nur jedoch kurz, denn schon bald darauf wurde eine Hilfslehrer-Stelle an der städtischen Oberschule (Realgymnasium) frei um die er sich bewarb. Seine neue Wirkungsstätte, die älteste Schule der Stadt, war im alten Universitätsgebäude untergebracht. Sie hatte 538 Schüler und 19 Lehrer. Als Hilfslehrer unterrichtete er ab Ostern 1869 in der Sexta und Unter-Tertia Geschichte, Geographie und Deutsch. Zugleich übernahm er als Ordinarius die Sexta A, welche mit 55 Schülern die meisten Schüler hatte. Als am 22. März 1870 die Schule den Geburtstag des Königs feierte, hielt der junge Lehrer Gurnik die Rede. Dieser Festrede für Friedrich Wilhelm I., die seinen Auffassungen zur Bedeutung der preußischen Monarchie und der besonderen Rolle dieses Herrscherhauses entsprach, folgten in den nächsten Jahren weitere zum Geburtstag des Königs und späteren Kaisers.
Vier Jahre nach der Aufnahme seiner Lehrtätigkeit an der städtischen Oberschule promovierte sich Adolf Gurnik an der Universität Rostock. Am 6. Juni 1873 verteidigte er seine philologische Dissertation („DE ANDOCIDE ORATIONIS CONTRA ALCIBIADEM AUCTORE“), in der er auch seines Berliner Lehrers Droysen gedachte. Danach setzte er als vierter ordentlicher Lehrer seine Tätigkeit am Realgymnasium fort. An dieser Schule vollzog sich sein gesamtes Berufsleben. Hier unterrichtete er insgesamt 34 Jahre. Am Ende seines Lebens nahm er die vierte Lehrerstelle ein.
Neben seiner Arbeit als Lehrer engagierte sich Adolf Gurnik seit mindestens 1872 im Historischen Verein für Heimatkunde der Stadt. Der Verein hatte 1861 vom damaligen Oberbürgermeister Alfred Piper die Genehmigung zur Benutzung der sich im Rathaus befindlichen Bestände des Stadtarchivs erhalten und so erfuhr Adolf Gurnik von Sitzung zu Sitzung von den neuesten Forschungsergebnissen, welche die Vereinsmitglieder auf der Basis der städtischen Archivalien erzielten und woran alsbald auch Gurnik Anteil hatte. Gleich den anderen Vereinsmitgliedern drängte er den Magistrat auf die bessere Unterbringung des Archivs, was dann 1886 zum Bericht des Vorstandsmitgliedes Landgerichtsrat Bardt an den Generaldirektor des Geheimen Staatsarchivs in Berlin führte. Infolge der Reaktion auf diesen vertraulichen Bericht kam es dann zur entscheidenden Verbesserung der städtischen Archivverhältnisse.
Nachdem Dr. Gurnik 1891 – nicht zuletzt wegen seinen stadthistorischen Forschungen – die Leitung des jetzt unweit seiner Schule untergebrachten Stadtarchivs übertragen wurde, begann er sich mit dem vorhandenen Urkundenbestand näher zu beschäftigen. Er setzte die vom Staatsarchivar Dr. Arnold begonnene Urkundenverzeichnung fort. 1895 erschien dann als Beilage des Jahresberichtes des Realgymnasiums der erste Teil der von ihm bearbeiteten Urkundenregeste. Für die Mitglieder des Historischen Vereins wurde davon ein besonderer Abdruck herausgegeben. Bei seiner chronologischen Aufführung vermerkte er auch die äußere Beschaffenheit und die Besiegelung der Urkunden, welche bei Riedels, Codex diplomaticus Brandenburgensis, ganz fehlten. Im Jahre 1898 erschien der vierte und letzte Teil seines Urkundenverzeichnisses, womit Dr. Gurnik die 679 Frankfurter Urkunden aus dem Zeitraum 1253 bis 1653 – darunter auch das Brandenburg betreffende Urkundendepot der Wittelsbacher - der historisch interessierten Öffentlichkeit vorstellte.
Noch im Jahr seiner Amtsübernahme konnte Stadtarchivar Gurnik den ersten Zugang von Akten nichtstädtischer Provenienz vermerken. Die Korporation der vereinigten Kaufmannschaft beschloss ihre Akten dem Stadtarchiv zu übergeben. 1893 folgte der Nachlass des einstigen Oberbürgermeisters Piper (wie üblich fand sich darin manches Stück städtischer Herkunft) und weitere Bestände, worüber Dr. Gurnik die Öffentlichkeit informierte.
Zum Höhepunkt seiner Wirksamkeit für die Schule, für das städtische Archiv und die Stadtgeschichte wurden seine letzten Lebensjahre. Als Ordinarius der Ober-Prima A und Professor – seine Ernennung zum Professor erfolgte am 24. Juni 1899 – unterrichtete er zuletzt in der Ober-Prima und Prima Geschichte, Latein und Erdkunde.
Adolf Gurnik, der seit 1897 zum Vorstand des Historischen Vereins gehörte, übernahm nach dem Tod von Professor Rudolf Schwarze den Vorsitz des Vereins und hielt bei den Vereinssitzungen jährlich bis zu drei Vorträgen, der er auf der Grundlage der städtischen Archivalien verfasste. 1899 erschien dann sein mit Hermann Bieder gemeinsam bearbeitetes Buch „Bilder aus der Geschichte der Stadt Frankfurt a. Oder“, worin er unter anderem erstmals die im Stadtarchiv vorhandene, umfangreiche Amtsbuchüberliefung vorstellte. Sein Buch gehört noch heute zu den Standardwerken der Frankfurter stadtgeschichtlichen Literatur.
Seinen letzten Vortrag hielt Professor Gurnik am 27. Februar 1902 „Über Frankfurter Familiennamen, besonders im 16. Jahrhundert“. Im Frühjahr des darauf folgenden Jahres erkrankte er und wurde in das neue Städtische Krankenhaus in der Goepelstrasse eingeliefert. Dort konnte eine Operation jedoch nur noch ein unheilbares Krebsleiden diagnostizieren. Am Sonnabend, den 29. August 1903, am Tag seines 59. Geburtstages, verstarb Adolf Gurnik im Krankenhaus. Seine Beerdigung auf dem Neuen Friedhof erfolgte am 1. September. Viele Trauende, neben seiner Frau Minna Gurnik und der Tochter Elisabeth auch der Direktor des Realgymnasiums Prof. Dr. Noack, das Lehrerkollegium dieser Anstalt und der Vorschule, sein Nachfolger als Stadtarchivar Reinhold Kubo – ebenfalls Lehrer am Realgymnasium - die Leiter und viele Lehrer der übrigen Schulen, zahlreiche Stadträte und Stadtverordnete, Schüler, Freunde und Bekannte gaben ihm an diesem Tag das letzte Geleit.

Ralf-Rüdiger Targiel

Quellen und Literatur